Orientierung Heft 4/2021: AUSSERGEWÖHNLICH Menschen, die herausfordern

Cover OrientierungLiebe Leser*innen,

wir müssen (mal wieder) eine Orientierung machen, in der wir uns mit der Gruppe der „Systemsprenger*innen“ auseinandersetzen. So war die erste Idee vor rund einem Jahr im Redaktionskreis der Orientierung.
In der Diskussion war dann schnell klar, dass man es sich mit dem Begriff Systemsprenger*in zu leicht macht.
Der Begriff hat durch den 2019 an den Start gegangenen gleichnamigen Film von Nora Fingscheidt eine breite Öffentlichkeit erreicht. Im Film geht es um den Leidensweg eines 9-jährigen Mädchens, das mit seinem Verhalten alle Unterstützungssysteme an Grenzen bringt. Ob Pflegefamilie, Psychiatrie oder Heime: Alles wird von ihr „gesprengt“.
Aber: Hier werden nicht nur Systeme „gesprengt“, sondern auch Systeme auf ihre Funktionalität geprüft. „Systeme sprengen – Systeme prüfen“ war dann unser Arbeitstitel für die Artikelanfragen.

Im Nachdenken über Menschen, die uns extrem fordern, wird schnell deutlich, dass eine Etikettierung durch einen Begriff nicht weiterhilft. In vielen Artikeln wird der Begriff hinterfragt. Kritisch damit auseinander setzen sich Bell (Seite 19) und Düßler und Wedemann (mit Fokus auf die Jugendhilfe, Seite 21).
„Ich weiß einfach nicht mehr weiter!“ zitiert Friebe (Seite 06) Mitarbeitende. Es wird deutlich, wie Fachkräfte in der Arbeit mit der Herausforderung an Grenzen stoßen, immer wieder lesen wir auch von Hilf- und Ratlosigkeit (z. B. Geiger, Seite 03 oder Katzenstein, Seite 41).
Zarte Beispiele wie eine Begleitung gelingen kann finden sich ebenso im Heft, wie die Auseinandersetzung damit, dass eine Überforderung im Umgang mit der Personengruppe auch zu Verhalten bei Mitarbeitenden und weiteren Beteiligten führen kann, die zurzeit auf strafrechtliche Relevanz geprüft werden (Starnitzke, Seite 35).
Konzeptionell wird deutlich (z. B. bei Pleuß und Weigand auf Seite 38), dass individuelle Wege gefunden werden müssen, wenn es darum geht, Menschen zu begleiten, die eine eigene Geschichte mitbringen, bevor sie sich selber, uns und Systeme herausfordern. Das darf nicht vergessen werden.

Bei der Zusammenstellung der Texte haben wir viel diskutiert. Mehr als sonst. Das zeigt, dass das Thema unter die Haut geht, berührt und Fragen aufwirft, die schwer zu beantworten sind: Außer-gewöhnliche Menschen, die herausfordern – so unser Hefttitel.

Eine gutes Maß an “Herausforderung“ wünscht

Martin Herrlich

Weitere Informationen und Leseproben finden Sie unter www.beb-orientierung.de

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